Warum Profis anders leiden als Hobbysportler:innen. Was hilft wirklich bei Tennisellbogen und Kreuzbandriss? Und: Warum Spielen besser als Kämpfen ist. Ein Gespräch mit Dr. Georg Jonas (Orthopäde und Chirurg) und Bernhard Pany (Sportphysiotherapeut) über typische Verletzungen im Racketsport, den Unterschied zwischen Therapie und Prävention – und warum auch ein kurzer Backhandslice zum Stolperstein werden kann.
Racketsportarten gelten im Vergleich zu vielen Kontaktsportarten als relativ sicher. Keine Tacklings, keine Zweikämpfe Schulter an Schulter, keine direkten Kollisionen wie im Fußball, Handball oder Basketball. Und trotzdem gehören Verletzungen für viele Spielerinnen und Spieler zum Sportalltag dazu – vom umgeknickten Sprunggelenk über Schulterprobleme bis hin zum klassischen Tennisellbogen.
In dieser Ausgabe von Racketista – das Racketsport-Magazin spricht Peter Robič mit Dr. Georg Jonas, Facharzt für Orthopädie, Traumatologie und Unfallchirurgie und Sportphysiotherapeut Bernhard Pany. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie unterscheiden sich Verletzungen im Leistungs- und Breitensport – und was kann man tun, um möglichst lange gesund am Court zu bleiben?
Akute Verletzungen und chronische Überlastungen
Grundsätzlich lassen sich Verletzungen im Racketsport in zwei große Gruppen einteilen: akute Verletzungen und chronische Beschwerden.
Akute Verletzungen entstehen plötzlich. Typisch sind etwa das Umknöcheln, Knieverletzungen oder ein Kreuzbandriss. Sie betreffen im Racketsport vor allem die Beine – also Sprunggelenk, Knie und die umliegenden Strukturen. Gerade schnelle Richtungswechsel, abrupte Stopps oder explosive Antritte können hier zum Problem werden.
Chronische Verletzungen entwickeln sich dagegen über längere Zeit. Sie entstehen durch wiederholte Belastungen, oft durch viele gleichförmige Bewegungen. Im Racketsport betrifft das besonders Schulter, Ellbogen und Handgelenk. Vorhand, Rückhand, Aufschlag, Smash – viele Bewegungen werden ständig wiederholt. Wenn Belastung und Belastbarkeit nicht zusammenpassen, kann daraus eine Überlastung entstehen.
Der Tennisellbogen betrifft nicht nur Tennisspieler
Kaum eine Diagnose ist so eng mit einer Sportart verbunden wie der Tennisellbogen. Tatsächlich tritt er aber längst nicht nur bei Tennisspielerinnen und Tennisspielern auf. Auch Menschen, die beruflich viel mit den Händen arbeiten, können betroffen sein – etwa Handwerkerinnen, Büroarbeiter oder Personen, die wiederholt greifende, ziehende oder drehende Bewegungen ausführen.
Im Racketsport entsteht der Tennisellbogen häufig dann, wenn der Unterarm bei jedem Schlag zu stark belastet wird. Besonders bei einer einhändigen Rückhand kann es passieren, dass die Muskulatur rund um den Ellbogen und das Handgelenk dauerhaft zu viel Spannung aufbauen muss. Technik spielt daher eine große Rolle.
Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit. Profis können durch hohes Trainingsvolumen in eine Überlastung geraten, obwohl sie grundsätzlich gut trainiert sind. Hobbysportler:innen können sich hingegen schon nach einer einzigen zu intensiven Einheit Beschwerden holen, wenn der Körper gewisse Belastungen nicht gewohnt ist.
Warum Hobbysportler:innen oft andere Probleme haben als Profis
Leistungssportler:innen bringen in der Regel eine hohe körperliche Grundbelastbarkeit mit. Sie trainieren regelmäßig, haben mehr Muskelmasse, bessere Bewegungsroutinen und meist auch ein geschultes Körpergefühl. Ihre Verletzungen entstehen daher oft in Situationen hoher Intensität: bei Müdigkeit, langen Matches, schnellen Richtungswechseln oder wenn sie über ihre Grenze gehen.
Bei Hobbysportler:innen sieht es anders aus. Viele spielen unregelmäßig, wärmen sich kaum auf und sitzen im Alltag viel. Dann kommt eine intensive Stunde Tennis, Badminton, Squash, Padel oder Pickleball dazu – und der Körper muss plötzlich Bewegungen ausüben, auf die er nicht vorbereitet ist.
Die Folge: Überlastungen, Muskelzerrungen, Rückenprobleme oder Beschwerden an Schulter, Ellbogen und Handgelenk. Häufig fehlt auch der Zwischenschritt nach einer Verletzung. Zwei Wochen Pause allein reichen selten aus. Wer danach sofort wieder voll einsteigt, riskiert, dass dieselbe Verletzung erneut auftritt.
Kreuzbandriss: Operation ist nicht immer automatisch die einzige Lösung
Kreuzbandverletzungen gehören zu den schwereren Verletzungen im Sport. Ob operiert werden muss, hängt aber von mehreren Faktoren ab: der Stabilität des Knies, dem sportlichen Anspruch, dem Alter und dem subjektiven Gefühl der betroffenen Person.
Im Leistungssport ist eine Operation oft wahrscheinlicher, weil die Anforderungen an Stabilität, Dynamik und Belastbarkeit sehr hoch sind. Im Breitensport kann in manchen Fällen auch eine konservative Therapie mit gezielter Physiotherapie sinnvoll sein. Entscheidend ist, ob das Knie im Alltag und beim Sport stabil bleibt.
Wichtig ist außerdem die Reha. Gerade nach Kreuzbandverletzungen braucht der Körper Zeit. Im Spitzensport wird häufig über ein Comeback nach sechs Monaten gesprochen. Medizinisch und therapeutisch ist das aber ein sehr ambitionierter Zeitraum. Für viele Sportlerinnen und Sportler sind neun Monate oder mehr realistischer, bevor wieder volle Belastung möglich ist.
Aufwärmen: mehr als Armkreisen
Viele Verletzungen lassen sich nicht vollständig verhindern. Aber das Risiko kann deutlich reduziert werden. Ein gutes Aufwärmprogramm ist dabei einer der einfachsten und wirksamsten Hebel.
Im Racketsport sollte Aufwärmen nicht nur aus ein paar lockeren Schlägen und Armkreisen bestehen. Sinnvoll sind kurze Laufübungen, dynamische Bewegungen, Sprung- und Stabilitätsübungen sowie Aktivierungen für Schultern, Arme, Rumpf und Beine.
Schon zehn Minuten können einen Unterschied machen. Wer wenig Zeit hat, kann mit Widerstandsbändern arbeiten. Übungen für Schulterrotation, Handgelenk, Ellbogen oder Gesäßmuskulatur lassen sich direkt neben dem Platz durchführen. Gerade für Hobbysportler:innen ist das ein realistischer Zugang: wenig Aufwand, aber viel Wirkung.
Beweglichkeit, Stabilität und Gleichgewicht
Prävention besteht nicht nur aus Aufwärmen. Wer länger verletzungsfrei spielen möchte, sollte regelmäßig an drei Bereichen arbeiten: Beweglichkeit, Stabilität und Gleichgewicht.
Beweglichkeit hilft, Bewegungen sauber auszuführen und Belastungen besser zu verteilen. Stabilität schützt Gelenke und verbessert die Kontrolle. Gleichgewicht ist im Racketsport besonders wichtig, weil fast jede Bewegung unter Zeitdruck, aus der Bewegung heraus und oft in seitlicher oder gedrehter Position passiert.
Dafür braucht man nicht unbedingt ein Fitnessstudio. Kniebeugen, Ausfallschritte, Liegestütze, Rumpfübungen oder einfache Gleichgewichtsübungen können bereits viel bewirken. Entscheidend ist nicht die Komplexität der Übung, sondern die Regelmäßigkeit – und dass die Bewegung sauber ausgeführt wird.
Dehnen: sinnvoll, aber zum richtigen Zeitpunkt
Beim Thema Dehnen gibt es viele Meinungen. Die beiden Experten sind sich aber in einem Punkt einig: Dehnen hat seinen Platz – wenn es richtig eingesetzt wird.
Vor dem Sport geht es vor allem darum, den Körper zu aktivieren. Dynamisches Andehnen, federnde Bewegungen und Mobilisationsübungen können helfen, den Kreislauf in Schwung zu bringen und die Muskulatur vorzubereiten.
Längeres, intensiveres Dehnen passt eher in eine eigene Einheit oder nach dem Sport – allerdings nicht unbedingt direkt nach einem sehr harten Match oder einer besonders intensiven Einheit. Wenn die Muskulatur bereits stark beansprucht ist, können zu intensive Dehnreize kontraproduktiv sein.
Auch abseits des Sports ist Dehnen sinnvoll. Wer viel sitzt, hat oft verkürzte Hüftbeuger, verspannte Oberschenkel oder Rückenprobleme. In diesem Sinn ist Beweglichkeitstraining nicht nur Sportvorbereitung, sondern auch Körperpflege.
Kinder brauchen Vielseitigkeit statt frühem Leistungsdruck
Ein spannender Teil des Gesprächs dreht sich um Prävention im Kindes- und Jugendalter. Dabei geht es nicht nur um Verletzungen, sondern auch um die Frage, wie Kinder langfristig Freude an Bewegung entwickeln.
Dr. Georg Jonas verweist auf das norwegische Modell. Dort steht bei Kindern zunächst der Spaß im Vordergrund. Frühe Spezialisierung, Tabellen und Leistungsdruck werden reduziert. Kinder sollen verschiedene Sportarten ausprobieren, vielseitige Bewegungserfahrungen sammeln und nicht zu früh auf eine einzige Sportart festgelegt werden.
Der Gedanke dahinter: Wer sich vielseitig bewegt, entwickelt bessere koordinative Fähigkeiten, belastet den Körper weniger einseitig und bleibt eher langfristig im Sport. Leistung wird nicht verhindert, sondern später gezielter gefördert.
Gerade im Racketsport kann das ein wichtiger Ansatz sein. Kinder, die neben Tennis, Badminton oder Tischtennis auch laufen, springen, turnen, klettern oder schwimmen, entwickeln ein breiteres körperliches Fundament.
Racketsport im Alter: Spielen hält fit und sozial verbunden
Racketsportarten können auch im höheren Alter eine große Rolle spielen. Natürlich hängt vieles von der individuellen Vorgeschichte, Fitness und Gesundheit ab. Wer lange gespielt hat, kann oft auch lange dabeibleiben. Aber auch ein später Einstieg ist möglich, wenn die Belastung passend gewählt wird und medizinisch nichts dagegenspricht.
Gerade für ältere Menschen hat Racketsport einen besonderen Vorteil: Er verbindet Bewegung mit sozialem Kontakt. Man trifft andere Menschen, spielt gemeinsam, bleibt koordinativ gefordert und hat ein Ziel, das über reines Training hinausgeht.
Das Spielerische ist dabei entscheidend. Es muss nicht immer um Punkte, Leistung oder Sieg gehen. Ein langer Ballwechsel, gemeinsames Üben oder einfach eine regelmäßige Runde mit Freundinnen und Freunden kann genauso wertvoll sein.
Spielen statt kämpfen
Am Ende bleibt vielleicht der wichtigste Gedanke der Sendung: Sport muss nicht immer Kampf sein. Gerade Racketsportarten können beides sein – Wettkampf und Spiel. Doch im Breitensport wird oft vergessen, dass der gesundheitliche und soziale Wert nicht nur im Gewinnen liegt.
Wer jeden Ballwechsel als Kampf versteht, verkrampft körperlich und mental. Wer den Sport als Spiel begreift, bleibt beweglicher, entspannter und oft auch länger dabei.
Racketsport ist schnell, fordernd und technisch anspruchsvoll. Aber er soll vor allem Freude machen. Wer auf seinen Körper hört, sich vorbereitet, regelmäßig an Beweglichkeit und Stabilität arbeitet und den Spaß nicht verliert, hat die besten Chancen, lange gesund am Court zu stehen.
Fazit: Gesund bleiben im Racketsport
Verletzungen gehören zum Sport dazu, aber viele Risiken lassen sich reduzieren. Besonders wichtig sind:
- ein bewusstes Aufwärmen vor jeder Einheit
- regelmäßige Kräftigung von Beinen, Rumpf, Schulter und Armen
- Beweglichkeit und Dehnen im richtigen Maß
- Techniktraining, besonders bei wiederkehrenden Beschwerden
- ein schrittweiser Wiedereinstieg nach Verletzungen
- und ein Zugang zum Sport, der nicht nur Leistung, sondern auch Freude zulässt
Denn am Ende gilt: Wer lange spielen will, sollte seinen Körper nicht nur fordern, sondern auch vorbereiten, pflegen und ernst nehmen.
Die Sendung wurde am 4. März 2024 auf Streamster TV erstausgestrahlt.


