Wie viele Racketsportarten kennst du wirklich? Tennis, Badminton, Squash, Padel, Pickleball oder Tischtennis sind Racketista-Fans ein Begriff. Doch rund um den Globus gibt es Sportarten, von denen selbst eingefleischte Racketsportler:innen noch nie gehört haben. In Episode 30 von Racketista – das Racketsport-Magazin machen wir deshalb eine kleine Weltreise. Wir starten in der Karibik, schauen nach Ägypten, England, in die USA und nach Deutschland – und landen am Ende in Österreich. Unser Ziel: sieben ungewöhnliche Racketsportarten vorstellen, die zeigen, wie kreativ Sport entstehen kann.
Manche dieser Spiele sind aus der Straße heraus geboren worden, andere wurden ganz bewusst als Marke und modernes Sportkonzept entwickelt. Gemeinsam haben sie alle eines: Sie zeigen, dass Racketsport weit mehr sein kann als das, was wir aus klassischen Vereinsstrukturen kennen.
Road Tennis: Barbados’ schneller Straßenklassiker
Der erste Stopp unserer Reise führt nach Barbados, wo Road Tennis entstanden ist. Die Wurzeln reichen bis in die 1930er-Jahre zurück. Gespielt wird nicht auf einem klassischen Tennisplatz, sondern auf Asphalt oder Beton.
Das Feld ist mit 6,4 mal 3 Metern deutlich kleiner als ein Tennisplatz. Statt eines normalen Netzes trennt eine nur rund 20 Zentimeter hohe Holzbarriere die beiden Spielfeldhälften. Genau das macht den Sport so besonders: Die Ballwechsel sind extrem flach, schnell und direkt. Gespielt wird mit Tennisball und meist mit Holzschlägern.
Auch das Punktesystem ist eigenständig. Typisch sind Sätze bis 21 Punkte, wobei jeweils fünf Aufschläge hintereinander serviert werden. Beim Stand von 29:29 entscheidet der nächste Punkt den Satz. Gespielt wird sowohl im Einzel als auch im Doppel, je nach Format über einen oder mehrere Gewinnsätze.
Road Tennis zeigt eindrucksvoll, wie Sport auch ohne perfekte Infrastruktur entstehen kann. Aus einer einfachen Idee wurde auf Barbados ein identitätsstiftender Sport, der inzwischen auch über Diaspora-Communities und Social Media in anderen Ländern sichtbar wird – etwa in Kanada, den USA, England oder Teilen Afrikas.
Speed-Ball: Ägyptens rasender Präzisionssport
Von der Straße geht es weiter nach Ägypten, wo mit Speed-Ball eine Sportart entstanden ist, die auf den ersten Blick fast wie ein Trainingsgerät wirkt – in Wahrheit aber ein organisierter Wettkampfsport ist.
Erfunden wurde Speed-Ball 1961 von Mohamed Lotfy. Das Prinzip klingt simpel: Ein Ball ist an einem Nylonseil an einem Pfosten befestigt und wird mit einem speziellen Kunststoffschläger geschlagen. Durch die rotierende Bewegung rund um den Pfosten entsteht ein Spiel, das enorm viel Timing, Rhythmus und Präzision verlangt.
Gerade darin liegt der Reiz. Speed-Ball ist extrem athletisch, weil Schlagfrequenz und Konzentration konstant hoch bleiben müssen. Besonders spektakulär ist die Disziplin Super Solo, bei der Athletinnen und Athleten in einer vorgegebenen Zeit so viele Schläge wie möglich schaffen. Der Weltrekord liegt bei 620 Schlägen in vier Minuten – also bei mehr als 2,5 Treffern pro Sekunde.
Daneben gibt es klassische Wettkampfformen im Einzel, Doppel und in der Relay-Variante, bei der eine festgelegte Schlagreihenfolge einzuhalten ist. Speed-Ball ist heute international organisiert und seit den 1980er-Jahren als Verbandssport etabliert. Spannend aus österreichischer Sicht: Auch hierzulande gab es bereits Aktive Speed-Ball-Spieler und Verbindungen zur internationalen Speed-Ball-Welt.
Touchtennis: Die kompakte Tennis-Version aus England
Nach Ägypten führt uns die Reise nach England – zu einer Sportart, die Tennisfans sofort vertraut vorkommen dürfte und gleichzeitig einen ganz eigenen Zugang bietet: Touchtennis.
Die Grundidee ist schnell erklärt: Tennis, aber kompakter, zugänglicher und leichter in urbanen oder beengten Settings spielbar. Gespielt wird auf einem 12 mal 6 Meter großen Feld, also deutlich kleiner als beim klassischen Tennis. Verwendet werden kleinere Schläger – meist Kinder-Tennisschläger – sowie ein Schaumgummiball, der kleiner ist als ein herkömmlicher Red-Stage-Ball.
Die Zählweise orientiert sich stark am Tennis: 0, 15, 30, 40, Game, allerdings ohne Vorteilregel. Ein Satz wird auf vier Games mit zwei Games Unterschied gespielt. Beim Stand von 4:4 folgt ein Tiebreak bis fünf Punkte.
Touchtennis ist aber nicht nur eine Spielform, sondern auch ein bewusst aufgebautes Konzept. Erfinder Rashid Ahmad hat die Sportart mitsamt Community, Events, Equipment und Markenstruktur weiterentwickelt. Genau das macht Touchtennis so interessant: Es ist ein Beispiel dafür, wie neue Sportarten heute gezielt gestaltet und verbreitet werden können.
Vor allem in Großbritannien ist Touchtennis bereits sichtbar, doch auch international passt es perfekt in moderne Sportformate – schnell, unkompliziert und attraktiv für Events und Social Content.
Typti: Das moderne Sport-Startup auf dem Pickleball-Court
Ein weiteres Beispiel für diese neue Art der Sportentwicklung ist Typti, das in den USA entstanden ist. Typti wird auf Pickleball-Courts gespielt und nutzt eigene Schläger sowie weiche Schaumstoffbälle.
Im Unterschied zu Pickleball darf hier überall am Court volleyiert werden. Die Regeln sind darauf ausgelegt, Ballwechsel schnell entstehen zu lassen und den Einstieg möglichst einfach zu machen. Besonders ungewöhnlich ist die Zählweise: Ein Game gewinnt nur, wer drei Punkte in Folge macht. Nach jedem Game wechselt das Service, für einen Satz braucht es fünf Games, gespielt wird in der Regel auf zwei Gewinnsätze.
Die auffälligste Sonderregel betrifft Netzbälle: Bleibt der Ball auf der eigenen Seite am Netz hängen, gibt es eine zweite Chance – der Ball darf mit einem beliebigen Körperteil über das Netz gespielt werden, nur eben nicht mit dem Schläger.
Typti setzt stark auf Reaktion, Dynamik und Entertainment. Es ist klar als modernes Sportprodukt konzipiert, mit Fokus auf Event-Inszenierung, Branding und Community-Aufbau. Genau darin liegt der besondere Reiz: Typti will nicht erst nach monatelangem Training Spaß machen, sondern möglichst schnell zugänglich sein.
Skyball: Einfach, schnell, showtauglich
Ähnlich wie Typti wird auch Skyball auf einem Pickleball-Platz gespielt. Doch obwohl es gewisse Parallelen gibt, besitzt Skyball eine eigene Spielidee und Identität.
Auch hier darf direkt ans Netz aufgerückt werden, anders als bei Typti sind am Netz hängengebliebende Bälle allerdings Fehler. Verwendet werden ein blauer Ball, der von der Größe her an Touchtennis erinnert, sowie 21-Zoll-Kinderschläger beziehungsweise eigens vermarktete Modelle.
Gespielt werden Games auf 11 Punkte mit Running Score – also zählt jeder Ballwechsel als Punkt. Das Service erfolgt jeweils zweimal: einmal von rechts und einmal von links, bevor es wechselt. Je nach Format gewinnt man ein Match mit zwei, drei oder vier gewonnenen Games.
Skyball wirkt wie eine Sportart, die ganz gezielt für die heutige Event- und Highlight-Kultur entwickelt wurde. Die Regeln sind leicht verständlich, die Matches kurz und dynamisch, und genau dadurch eignet sich der Sport ideal für Turniere, Showcases und Inhalte in sozialen Medien.
Lenkball: Sport, Koordination und Gehirntraining aus Bayern
Der nächste Halt führt nach Deutschland, genauer gesagt nach Bayern, wo während der Corona-Zeit mit Lenkball eine Sportart entstand, die über den klassischen Wettkampfgedanken hinausgeht.
Entwickelt wurde Lenkball von Trifon Lengerov und Hartmut Schumm. Die Idee dahinter ist besonders spannend: Es geht nicht nur um Spiel und Technik, sondern auch um Koordination, Beidhändigkeit und Gehirntraining. Der bewusste Einsatz beider Hände soll beide Gehirnhälften ansprechen – ein Ansatz, der sich deutlich von vielen etablierten Racketsportarten unterscheidet.
Gespielt wird mit speziellen Schlägern und Bällen, die ihren Ursprung im Tischtennis haben. Im Wettkampf kommen 44-Millimeter-Bälle zum Einsatz, für Einsteiger oder andere Varianten auch 55-Millimeter-Bälle. Dadurch lassen sich Ballverhalten und Schwierigkeit gezielt anpassen.
Lenkball ist heute weit mehr als eine Idee einzelner Tüftler. Die Sportart ist inzwischen im Bayerischen Landessportverband anerkannt und organisatorisch unter dem Dach des Badmintons angesiedelt. Dazu kommen verschiedene Varianten wie Lentable, Lenspeed, Lenvolley oder Lencourt, die unterschiedliche Zielgruppen und Leistungsniveaus ansprechen.
Gerade diese Vielseitigkeit macht Lenkball interessant. Es ist schnell zugänglich, flexibel spielbar und eingebettet in eine klare Produkt- und Markenwelt – mit Schlägern, Systematik und strukturiertem Aufbau.
Dish Tennis: Österreichs kreative Idee mit Hingucker-Faktor
Zum Abschluss kehren wir nach Österreich zurück – zu einer Sportart, die wir bei Racketista bereits vorgestellt haben (Zwischen Bar und Center Court – Sport trifft auf Lifestyle – Racketista Folge 25) und die zeigt, dass auch hierzulande neue Racketsport-Konzepte entstehen: Dish Tennis.
Die Idee stammt von Florian Plüer, der auf Nachhaltigkeit setzt und seine auffälligen Mini-Tischtennis-Tische in Österreich fertigen lässt. Gespielt wird auf einer Platte mit den Maßen 105 mal 50 Zentimeter, ausschließlich im Einzel und mit klassischer Tischtennis-Zählweise.
Dish Tennis verbindet Bekanntes mit Neuem. Das Setup erinnert an Tischtennis, verlangt aber durch die kleine Spielfläche eigene Fähigkeiten und ein angepasstes Spielgefühl. Gleichzeitig ist genau das ein Teil des Konzepts: Die Sportart ist schnell verständlich, sofort spielbar und gleichzeitig optisch ungewöhnlich genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Wie mehrere andere Beispiele in dieser Episode zeigt auch Dish Tennis, dass neue Sportarten heute oft stark über Marke, Design, Equipment und Community aufgebaut werden. Gespielt wird aktuell vor allem bei Events, in Firmen, in Innenräumen und überall dort, wo Menschen offen dafür sind, etwas Neues auszuprobieren.
Was diese Sportarten gemeinsam haben
So unterschiedlich Road Tennis, Speed-Ball, Touchtennis, Typti, Skyball, Lenkball und Dish Tennis auch sind – sie verbindet eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie alle zeigen, dass Sport nicht stillsteht.
Manche dieser Disziplinen sind aus der Alltagskultur ihrer Länder entstanden. Andere wurden bewusst als modernes Sportprodukt entwickelt. Einige setzen auf maximale Zugänglichkeit, andere auf Show, Rhythmus oder gesundheitliche Aspekte. Gemeinsam machen sie deutlich, dass Racketsport weit größer, bunter und innovativer ist, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Gerade in einer Zeit, in der Sportarten um Aufmerksamkeit, Community und Relevanz kämpfen, sind solche Konzepte besonders spannend. Sie geben Antworten auf moderne Bedürfnisse: weniger Platzbedarf, schnellere Lernerfolge, stärkere Event-Tauglichkeit und klarere Markenidentität.
Fazit: Eine Weltreise, die Lust auf mehr macht
Episode 30 von Racketista ist mehr als nur eine Sammlung kurioser Sportarten. Sie ist ein Blick darauf, wie vielfältig sich Racketsport weltweit entwickelt – zwischen Tradition, Improvisation, Unternehmergeist und Community-Aufbau.
Und jetzt bist du dran: Welche dieser Sportarten würdest du am liebsten selbst ausprobieren? Verrate es uns in den Kommentaren auf Social Media!



