Interview mit Stephen Preissler: Er wurde Europameister und kündigte seinen Job

Stephen Preissler

Vom 9-to-5-Job zum Vollzeit-Pickleball

Peter Robic: Stephen, du bist 23, stammst aus der Steiermark, lebst in Florida und bist seit September 2025 Pickleball-Europameister im Herren-Doppel. Was hat sich seither für dich verändert?

Stephen Preissler: „Das Größte war: Ich habe meinen Job in Florida gekündigt. Seitdem mache ich Pickleball zu 100 Prozent – ich trainiere jeden Tag, gebe Clinics und Privatstunden und spiele so viele Turniere wie möglich.“

Pickleball in den USA vs. Österreich: Das Level ist höher – aber Österreich holt auf

Du hast auch hier in Wien Clinics gegeben. Welchen Stellenwert hat Pickleball in den USA im Vergleich zu Österreich?

Preissler: „In den USA ist das Level im Moment noch höher. Aber ich sehe, dass es in Österreich besser wird – und genau dabei helfen Clinics. Pickleball ist noch ganz neu in Österreich. Jeder kann mit Pickleball anfangen und wirklich gut werden. “

Was läuft in Österreich schon gut – und was könnte man verbessern?

Preissler: „Wir brauchen mehr Turniere, mehr Coachings und mehr Trainingsmöglichkeiten in ganz Österreich. Ein Vorteil ist: Viele kommen aus anderen Racketsportarten, wie Tischtennis und Tennis und Padel ist richtig groß in Österreich. Pickleball braucht in Österreich noch Zeit. Und es gibt auch noch nicht so viele Courts.“

Courts als Schlüssel: „In Amerika ist es einfach“

Ein großes Thema sind die Plätze. In den USA gibt es extrem viele Courts. Wie ist das bei dir in Florida?

Preissler: „Bei mir in der Nähe gibt es unheimlich viele. Wir haben drei, vier Indoor-Courts – und fünf Minuten zu Fuß von meinem Haus gibt es auch (Anm. Outdoor-)Courts. In Amerika ist es wirklich einfach, einen Court zu finden, das ist fürs Training natürlich ideal.“

Trainingsalltag: zwei Einheiten pro Tag – plus Athletik

Kommen wir gleich zum Training: Du hast schon gesagt, du konzentrierst dich jetzt auf den Fulltime auf Pickleball. Davor hast du studiert und gearbeitet. Wie sieht dein Trainingsalltag jetzt aus?

Preissler: „Normalerweise trainiere ich mindestens zweimal pro Tag. Drei bis vier Stunden am Court – und dazu etwa eine Stunde Yoga oder Fitnessstudio, manchmal auch Plyometrics. Das mache ich sechs Tage pro Woche. Ein Tag ist Ruhetag: spazieren, wandern oder Yoga.“

USA vs. Europa: „Der größte Unterschied ist die Konstanz“

Du hast bei den Europameisterschaften die europäischen Top-Teams erlebt. Wo liegen aktuell die größten Unterschiede zwischen USA und Europa?

Preissler: „Der größte Unterschied ist die Konstanz. In Amerika machen die Topspieler fast keine Fehler. Das Spiel ist wie Schach – jeder Ball ist durchdacht. In Europa sind Technik und Taktik noch etwas hinten, aber es ist auch einfach noch neuer. In Amerika gibt es viele Spieler mit DUPR 5.5, 6 und ein paar 6.5 plus.“

Du hast das DUPR-Rating angesprochen. Wie gut sind die besten Spieler?

Preissler: „In Amerika sind die Top-Leute – zum Beispiel Ben Johns oder JW Johnson – über 7. In Europa sind die stärksten Spieler eher so bei 5.7, 5.8.“

Und wie wirkt sich das im Spiel aus?

Preissler: „Wieder: Konstanz. In den USA gibt es fast keine Fehler. Und viele Topspieler trainieren täglich zusammen – das macht das Level automatisch höher.“

Ist auch die Spielidee anders? Wird in Europa schneller gespielt?

Preissler: „In Amerika ist es taktischer. In Europa kommen viele vom Tennis – vor allem Italien oder Spanien – die haben oft starke Drives. Aber Pickleball ist nicht nur Drive: Das Spiel an der Kitchen, Dinks und Speed-Ups sind extrem wichtig. Und das ist in Amerika im Moment einfach besser.“

Wo siehst du deine eigenen Stärken im Pickleball?

Preissler: „Meine Counters und mein Backhand-Flick. Meine Hände sind wirklich schnell – Reaktionen und schnelle Hände sind mein größtes Plus.“

Vom Baseball zu Pickleball: erst Frust, dann Suchtfaktor

Du kommst nicht aus einem klassischen Racketsport, sondern aus dem Baseball. Wie bist du zu Pickleball gekommen?

Preissler: „Das erste Mal war 2019 oder 2020 – durch meine Mutter. Sie brauchte einen Trainingspartner. Wir haben dann ein Turnier gespielt und fast alles verloren. Ich glaube: ein Match gewonnen, sieben verloren. Da habe ich gedacht: Ich spiele das nie wieder.“

Was hat zum Meinungsumschwung geführt?

Preissler: „Pickleball ist extrem addictiv. Am Anfang konnte ich nicht gut verlieren – das war der Hauptpunkt. Aber dann habe ich weitergespielt und gemerkt: Es macht einfach Spaß. Egal ob du 3.5 oder 5.5 bist – Pickleball macht fast immer Spaß. Das ist bei anderen Sportarten nicht so. Und ich bin sehr kompetitiv – ich wollte besser werden.“

Der EM-Finalthriller: von 0:6 zurück ins Match

Besonders gut warst du im Finale der Europameisterschaften. Reden wir ein bisschen über das Finale.

Preissler: „Wir wussten: Spanien ist ein starkes Team – Mauro Garcia Sanchez und Pep Canyadell. Beide waren um die 5.7/5.8 im DUPR, und Spanien war im Jahr davor schon Europameister. Wir mussten vorsichtig sein. Wir haben den ersten Satz 11:2 gewonnen. Dann hat Spanien richtig stark gespielt, wir verlieren 2:11. Im dritten Satz waren wir 0:6 hinten. Dann musst du ruhig bleiben, nicht zu viel denken und die Strategie anpassen. Zum Glück sind wir zurückgekommen und gewinnen den dritten 11:7.“

Was ist in deinem Kopf abgegangen nach dem Sieg?

Preissler: „Blackout. Ich habe fast nichts gedacht. Erst nach ein paar Minuten habe ich realisiert: Wir haben gewonnen. Ich war einfach stolz, Österreich zu repräsentieren – und etwas zu gewinnen. Das war die erste Medaille in der österreichischen Pickleball-Geschichte.“

Wie wichtig war dir dieser Titelgewinn im Nachhinein?

Preissler: „Das war mein Breakout-Moment. Ich habe damals noch 9-to-5 im Finanzsektor gearbeitet und nur zwei-, dreimal pro Woche gespielt. Nach dem Titel habe ich mir gedacht: Vielleicht kann ich wirklich etwas im Pickleball erreichen. Das war der große Wendepunkt.“

Und welchen Stellenwert hat der Europameistertitel in den USA?

Preissler: „Ehrlich: In Amerika fast keinen. Für Freunde und meine Trainingsgruppe war es cool – aber dort zählt vor allem PPA oder APP.“

Ziele: „Ein bis zwei Jahre alles auf Pickleball“

Was hast du dir sportlich vorgenommen?

Preissler: „Ich will viel mehr Turniere spielen und mich ein bis zwei Jahre zu 100 Prozent auf Pickleball konzentrieren. Ich will sehen, wie gut ich werden kann. Mein Ziel ist, als Pro in Amerika und auch international zu spielen – am besten PPA oder APP. Und ich möchte dieses Jahr auch mehr Turniere in Europa spielen.“

Und wo willst du in drei Jahren stehen?

Preissler: „Top 10 in der PPA.“

Appell an Racketsport-Fans: „Probier’s aus“

Was möchtest du Racketsport-Fans in Österreich mitgeben, die Pickleball noch nie ausprobiert haben?

Preissler: „Probier’s aus. Du wirst sicher Spaß haben. Es ist leicht zu lernen – und für mich ist es das beste Spiel der Welt.“


Kurzinfo: Stephen Preissler

  • Alter: 23, Jahrgang 2002
  • Herkunft: Knittelfeld (Österreich)
  • Wohnort: Jacksonville, Florida (USA)
  • Titel: Pickleball-Europameister (Herren-Doppel, September 2025)